Wie du religiöse Pakte aus deiner Vergangenheit löst

„Es gab einen Pakt. Worin bestand dieser Pakt?“, ließ Vahalla nicht locker.
„Ich habe versprochen, meine Träume aufzugeben. (…) Ich habe versprochen, nie wieder zu wachsen. Ich dachte, ich könnte mir nicht mehr trauen. (…) Ich breche den Pakt. Gott hat das Recht, mich zu zerstören. Ich habe dieses Recht nicht.“

Vor einigen Jahren, als ich diese Sätze las, traf es mich wie ein elektrischer Schlag. Die Worte stammen aus dem Roman „Schutzengel“ von Paolo Coelho. Ich spürte, wie sehr sie auf mein eigenes Leben zutrafen. Heute weiß ich, dass sie auf auf das Leben vieler Menschen mit einer bestimmten religiösen Prägung zutreffen, die ich am ehesten als „evangelikal“ bezeichnen würde (auch wenn diese Klassifizierungen nie ganz passen).

Vielleicht bist du auch christlich aufgewachsen, warst mit großem Ernst und Eifer und Leidenschaft dabei – und bist auf deinem Weg einen Pakt eingegangen. Einen Pakt, den du nicht mit echten Blutstropfen, aber mit deinem Herzblut besiegelt hast. Er ist aus deinen Vorstellungen über Gott entstanden. Aus dem, was du dir von ihm erhofft, erträumt und erfürchtet hast.

Welchen inneren Pakt hast DU geschlossen?

„Ich werde immer deinen Weg gehen und nicht meinen.“ „Ich werde mich von Geld fernhalten und ein bescheidenes Leben führen.“ „Ich verschenke mich an andere Menschen, zu deiner Ehre.“ Und nicht zu vergessen die „Jungfräulichkeits-Pakte“, die ihren Gipfel in der amerikanischen Purity-Bewegung finden, und durch die viele von uns den eigenen Körper zum Gegenstand eines Paktes gemacht haben. Oftmals war es ein innerer Tauschdeal: „…mache du mich dafür glücklich.“ „…schenke mir dafür inneren Frieden.“ „…lass mich dafür den richtigen Mann finden.“

Was ist dein innerer Pakt, den du mit Gott geschlossen hast? Mit dem du deine eigene Freiheit eingebüßt und Gott zu einem Tauschautomaten degradiert hast? Im Roman erzählt die Figur Paulo: „Ich habe versprochen, meine Träume aufzugeben. Ich habe versprochen, nie wieder zu wachsen.“ Diese Worte sind in mir auf tiefe Resonanz gestoßen. Ich habe zu viele Jahre lang eigene Träume gering geachtet, um mich „Gottes Wegen“ anzuvertrauen. Um genau zu sein wusste ich oft gar nicht, was ich selbst will. Meine Träume waren längst verschmolzen mit dem, von dem ich dachte, dass Gott es will.

Noch heute merke ich den Schatten davon: Mühsam musste ich mir die Fähigkeit zurück erkämpfen, selbst zu spüren, was ich im Leben will und was mir entspricht. Berufung zu begreifen als etwas, was meinem tiefsten „So-Sein“ entspricht und nicht einem externen Wunsch an mein Leben. Und dieses Erkämpfen ist noch nicht abgeschlossen.

Der echte Gott braucht keine Pakte – wozu auch?

Es ist eine Unverschämtheit uns selbst und Gott gegenüber, wenn wir uns selbst unserer Würde berauben, erwachsene Menschen zu sein. Jede liebende Mutter, jeder liebende Vater möchte sein Kind zu einem selbstständigen Menschen heranreifen lassen. Und gerade Gott sollte uns in unmündigen Kinderschuhen stecken lassen?

Manchmal müssen wir auf unserem Weg heraus aus kindlich-unmündigem Glauben einen Pakt brechen: einen Pakt, den niemals Gott geschlossen hat, aber wir. Und zwar mit dem Bild, das wir uns von ihm gemacht haben. Der echte Gott braucht keine Pakte. Wozu auch?

Spüre in dich hinein, ob auch du irgendwann auf deiner Reise einen Pakt eingegangen bist – unbewusst und doch prägend bis heute. Gib ihm Worte, schreib ihn auf – und dann löse ihn, breche ihn, verbrenne ihn. Lass das Alte los. Starte neu und befreit. Als Erwachsene/r, die/der nicht nur selbst entscheiden darf, sondern entscheiden soll. Mit allem, was dazu gehört: auf die Nase fallen, scheitern, sich verrennen. Oder anders herum gesagt: mit der Freiheit, Erfahrung sammeln zu dürfen. Erfahrung, die auch wirklich deine ist.

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