Vergebung, die nicht in die Freiheit führt

Vor einiger Zeit haben sich Teenager aus meiner Kirchengemeinde für einen Jugendgottesdienst das Thema gewünscht: „Was ist, wenn ich mir selbst nicht vergeben kann?“ Es hat mich berührt, wie sehr junge Menschen mit dieser Frage zu tun haben, obwohl sie von der Botschaft geprägt wurden, dass Gott uns liebt und vergibt.

Ich weiß, dass diese Prägung in christlichen Kreisen längst nicht immer der Fall ist, aber in diesem Fall war ich ziemlich überzeugt davon. Was ist es, das uns trotzdem so hart mit uns selbst sein lässt? Oder ist es vor allem ein Thema von jungen Menschen, die gerade die Verunsicherung des Erwachsenwerdens erleben?

Nein, auch ich kenne dieses Empfinden. Es äußert sich in fiesen Gedanken, die ich oft gar nicht wahrnehme. Sie lauten etwa so: „Du hast das schon wieder nicht geschafft.“ „Das ist jetzt wie früher, hast du denn gar nichts gelernt?“ „Wieso kann ich nicht endlich so und so sein?“ Und dann merke ich: Das Thema betrifft auch ganz alte Menschen. Da ist diese über 90jährige Frau, deren Mann im Sterben lag. Sie vertraute mir an, dass ihr ein Seitensprung ihres Mannes aus jungen Jahren bis heute noch immer nachging und sie mit Zorn erfüllte, trotz der jahrzehntelangen Anstrengung, ihrem Mann zu vergeben. Es war aber nicht nur Zorn ihm gegenüber, sondern auch sich selbst gegenüber. Warum?

Scham: Ich selbst bin der Fehler

Manchmal liegt unter dem vordergründigen Thema „Schuld“ ein viel tieferes, unentdecktes: Scham. Beides hängt  miteinander zusammen und ist doch nicht dasselbe. Schuld bedeutet: „Ich habe einen Fehler gemacht.“ Das kann ich meist klar benennen, oftmals wiedergutmachen. Mein Sohn, wenn er seinen Bruder gehauen und ein schlechtes Gewissen hat, sagt dann: „Hau mich auch mal.“ Um sich selbst wieder besser zu fühlen, weil „Gerechtigkeit“ wiederhergestellt ist.

Scham hingegen bedeutet: Ich fühle, dass ich selbst der Fehler bin. Unter der konkreten Situation liegt das Empfinden, dass ich nicht wertvoll bin, „unwürdig“ oder „dumm wie Brot“. Gefühle von früher tauchen wieder auf, als ich vorne an der Tafel vorgeführt wurde, ein Liebesbriefchen vor der Klasse vorgelesen wurde oder ich so gegen meine eigenen Werte und Überzeugungen gehandelt habe, dass ich mir selbst nicht mehr ins Gesicht schauen konnte und gerne in Grund und Boden versunken wäre.

Gegen Schuld kann man (meist) etwas tun. Scham hingegen ist nicht auszuhalten. Sie trifft mich im innersten Kern, ich fühle mich ungeliebt, wertlos, bloßgestellt. So, wie ich bin, bin ich nicht richtig und gehöre nicht (mehr) dazu. Um der Scham auszuweichen, suchen wir (unbewusst) nach Strategien: Selbstverachtung, Perfektionsstreben, Sturheit, Verdrängung und vieles mehr.

Auch in der Bibel geht es um Scham. Am eindrücklichsten ist vielleicht die Geschichte von Petrus,  dem draufgängerischsten und entschlossensten aller 12 Jünger Jesu. Doch als es darauf ankommt, lässt er Jesus im Stich: Bei Jesu Verhaftung wird Petrus draußen auf dem Hof gefragt, ob er ebenfalls zu diesem Jesus gehöre. Drei mal leugnet er es und sagte: „Nein, ich kenne ihn nicht.“ Als der Hahn kräht und Petrus bewusst wird, was er gemacht hat, bricht er in Tränen aus – die Scham übermannt ihn.

Scham sucht nicht nach Vergebung, sondern nach Beziehung

Sehr besonders ist Jesu Umgang mit Petrus, als er ihm nach Tod und Auferstehung wieder begegnet. Er fragt Petrus zunächst drei Mal: „Liebst du mich?“ (Joh.21,15-19). Jesus legt den Finger in die Wunde, weil die Wunde sowieso da ist, es würde nichts bringen, sie zu übergehen. Doch dann spricht Jesus Petrus nicht Sündenvergebung für sein offensichtliches Versagen zu. Jesus weiß: Petrus‘ Problem ist ein ganz anderes. Seine innerste Frage ist die nach Beziehung: „Hat Jesus mich noch lieb, nach allem, was ich getan habe? Bin ich noch etwas wert, wo ich so versagt habe?“ Und so sichert Jesus ihm seine Beziehung zu und dass er ihm noch immer etwas zutraut: „Folge mir nach!“ und „Weide meine Schafe“, was bedeutet, für die entstehende christliche Gemeinde zu sorgen. Jesus heilt Petrus‘ Wunde, indem er ihm klar macht: „Du und ich, wir gehören noch immer zusammen! Ich glaube nach wie vor an dich. Und jetzt: Blick in die Zukunft, ich habe eine große Aufgabe für dich!“

Manchmal, wenn wir sehr lange um das Thema „Vergebung“ und „Selbstvergebung“ kreisen, ohne dass etwas Wesentliches passiert, sollten wir einen Blick darauf werfen, ob das tieferliegende Problem nicht unsere Scham ist: das Gefühl, bloßgestellt und nichts mehr wert zu sein. Das Empfinden, dass wir so wertlos sind, dass wir es nicht einmal wert sind, dass wir uns selbst vergeben. Dieses Gefühl sabotiert dann all unsere Bemühungen nach innerem Neuanfang. Wenn wir unsere tiefsitzende Scham aber ans Licht holen, liebevoll annehmen und Gott hinhalten, kann endlich die Heilung geschehen, nach der wir uns sehnen.

Bild: Pixel2013 by Pixabay

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