Warum es sich lohnt, deinen größten Ängsten in die Augen zu schauen

Ein junger Mann, gerade einmal 20.
Angeregt durch ein Bibelwort zieht er sich in die völlige Abgeschiedenheit einer Klause zurück.
Dort schließt er sich ein und kämpft den Kampf seines Lebens.

Menschen, die an seiner Klause vorbeikommen, hören von drinnen verstörende Kampfgeräusche.
Sie überlegen, was sie tun sollen.
Es klingt, als kämpfe der junge Mann mit Dämonen.
Irgendwann brechen sie die Tür gewaltsam auf.
Und staunen nicht schlecht: Ihnen begegnet kein zerfleischter Leichnam.
Und auch kein gebrochener, verrückter Mann mit irren Augen.
Ihnen begegnet das genaue Gegenteil: ein quicklebendiger, in sich ruhender, gelassener und friedlicher Mann.

Der junge Mann heißt Antonius, lebte im 4. Jahrhundert und war ein christlicher Einsiedler.
Womit er in seiner Klause kämpfte, waren nach damaliger Sicht Dämonen.
Heute würden wir es anders bezeichnen: Als „Auseinandersetzung mit den Kräften des Unbewussten“*. Als tief sitzende Ängste. Oder als Schatten.

Auch Jesus musste sich mit „inneren Dämonen“ auseinandersetzen

300 Jahre vorher hatte Jesus bereits ähnliches erlebt.
Auch er hat seinen „inneren Dämonen“ in die Augen geschaut.
Und erst dann konnte er seinen besonderen Weg in Klarheit und mit innerer Zustimmung gehen.

Es heißt, dass Jesus vor dem Beginn seines öffentlichen Auftretens für 40 Tage in die Wüste ging, um zu fasten.
Dort wurde er vom Teufel drei Mal versucht.
Genauer gesagt vom „Diabolos“, dem „Durcheinanderbringer“.

„Durcheinanderbringer“: Was für eine wunderbare Umschreibung für unsere tief sitzenden Ängste!
Ängste rauben uns die Klarheit des Geistes wie ein perfekt trainierter Taschendieb.
Am Ende wissen wir nicht einmal mehr, ob wir überhaupt je etwas besessen haben.

Wenn uns Ängste steuern, sind wir besessen

In mythischer Sprache sind es die Dämonen, der Teufel, der Diabolos. Denn unsere Ängste nehmen tatsächlich wie eine fremde Macht Besitz über uns und steuern uns. (Der Vorteil bei der mythischen Teufels-Vorstellung ist: Wir können das, was in uns ist, auf etwas Äußeres abschieben. Dadurch wird es weniger bedrohlich – wie der „innere Schweinehund“.)

Unsere verborgenen Ängste lassen uns Dinge tun und sagen, von denen wir später denken: „Das war doch nicht ich!“ Wenn unsere Ängste uns steuern, sind wir genau das: besessen.
Und auf dieser Weise sind wir alle besessen.

„Ihr Schatten ist die Person, die Sie lieber nicht wären.“

Der Psychotherapeut Carl Gustav Jung nannte das, was uns aus dem Unbewussten heraus steuert, unsere Schatten: „Ihr Schatten ist die Person, die Sie lieber nicht wären.“

Es meint all das, was wir im Laufe unseres Lebens vergraben und beerdigt haben, weil wir gelernt haben: Das mögen andere an mir nicht. Wenn ich so bin, habe ich es schwer. Wenn ich mich auf diese Weise verhalte, gefährde ich die Beziehung zu den Menschen, die ich liebe.

Hinter dieser Abspaltung steht: nackte Angst. Die Angst davor, was alles wäre, wenn ich tatsächlich bin wie ich bin und mich darin voll und ganz zeige.
Ich würde Liebe verlieren. Akzeptanz einbüßen. Harmonie gefährden. Anerkennung verlieren.

Durch unsere Ängste gieren wir nach Halt und Sicherheit

Aus dieser Angst wächst dann als Pflänzchen unsere „Versuchlichkeit“: Das, was sich nach Halt und Sicherheit und Stabilität ausstreckt. Es giert nach Selbstbewusstsein, Anerkennung, Ehre, Macht und all den anderen Dingen, die uns inneren Halt versprechen. Verkleidete Dämonen.

Mit diesen Dämonen musste schon Jesus kämpfen. Sie verleiten ihn dazu, seine menschliche Seite zu verraten. Kurz vorher war Jesus im „spirituellen Flow“: Er ließ sich taufen und war sich bis in die tiefsten Poren seines Seins gewiss, Gottes geliebtes Kind zu sein. Nun melden sich andere Stimmen in seinem Inneren, die Zweifel säen: „Wenn du Gottes Sohn bist…“

In die eigenen Abgründe blicken – und sie zulassen

Jesus blickt in seine Abgründe – und er lässt sie zu.
Er flieht nicht vor ihnen. Und er lenkt sich nicht vor ihnen ab.
Jesus lässt sich ein auf diese Begegnung, die wir eigentlich gerne vermeiden möchten.

Er weiß: Wenn er seinen Weg in Klarheit und innerer Gewissheit weitergehen will, muss er sich den Dämonen in seinem Inneren stellen.
Es sind dieselben Dämonen (=Ängste), die auch uns dazu drängen, unsere Seele zu verkaufen.
Und die uns deshalb wegführen von uns und von anderen.

Erst, wo wir diese Stimmen in uns zulassen, erkennen wir, wem oder was wir folgen.
Wenn wir den Blick nach innen wagen, werden unsere Ängste und Versuchungen entkleidet.
Und wir beginnen zu erkennen, welchen Prinzipien unser Handeln folgt.

Übung: Nimm dir etwas Zeit und entspanne dich. Höre in dich hinein und mache dir Notizen zu der Frage: „Wovor habe ich am meisten Angst im Leben?“

Lass die Ängste zu. Sieh ihnen in die Augen. Versuche nicht, sie zu bekämpfen – was wir bekämpfen, wird stärker. Versuche nicht, sie zu verdrängen oder wegzurationalisieren – was wir verdrängen, holt uns auf anderen Wegen ein. Erkenne, welche Ängste dich leiten, und entwickle Mitgefühl. Es gibt einen Grund für deine Ängste. Es gibt eine Botschaft in deinen Ängsten. Und es gibt ein Geschenk in deinen Ängsten, das du entdecken kannst (dazu an anderer Stelle mehr).

*Aus: Anselm Grün, Der Himmel beginnt in dir

Bild: 0fjd125gk87/Pixabay

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