Lectio Divina – verstaubte Texte wiederentdecken

Als Jugendliche hatte ich großen Spaß daran, in der Bibel zu lesen. Gepackt vom Glauben an Jesus Christus las ich die Bibel neugierig, forschend und mit dem Ehrgeiz, sie einmal komplett durchzuackern. Tausende bunte Unterstreichungen, Zeichen am Rand und Bleistift-Kommentare zeugen von dieser Phase.

Genauso kenne ich Zeiten, in denen ich die Bibel gelangweilt, uninspiriert, mit schlechtem Gewissen, unter Druck oder eben gar nicht mehr las. Der „Forschergeist“ in mir war passé, aber das reflektierende Lesen war die einzige Art, die ich kannte.

Hinderlich fürs Bibellesen: Der Druck, sie lesen zu müssen

Es gibt viele Gründe, mit dem Lesen von „heiligen Texten“ – egal ob aus dem Christentum oder anderen Traditionen – aufzuhören. Viele Texte sind aus heutiger Sicht unverständlich, manche erscheinen rassistisch, juden- oder frauenfeindlich. Zahlreiches hört sich märchenhaft an. Und je nach Prägung triggert uns beim Lesen der Druck aus jungen Jahren an, dass man doch unbedingt in der Bibel (dem Koran, der Tora,..) lesen müsse. Unbedingt. Unbedingt!

Auch ich habe die Bibel mehrere Jahre lang zur Seite gelegt. Ich hatte keine Lust mehr auf das Gemisch aus Sehnsucht, innerem Druck, Wunsch nach Begegnung, schlechtem Gewissen, Langeweile.

Erst Jahre später, als ich mit der altkirchlichen Form „Lectio Divina“ in Berührung kam, änderte sich das. Ich merkte: Eigentlich stand ich nicht mit der Bibel selbst auf Kriegsfuß. Sondern mit bestimmten Zugängen, die nicht mehr zu mir passten (oder Ergänzung benötigten).

Lectio Divina: die Bibel meditativ auf sich wirken lassen

Lange Rede, kurzer Sinn: Im Gegensatz zum reflektierenden, kritisch-unterscheidenden Bibellesen ist „Lectio Divina“ ein eher meditativer Zugang zu den heiligen Texten. Dabei geht es nicht darum, beides gegeneinander auszuspielen – die Mönche der Alten Kirche brachten beides wunderbar in Einklang. Denn „meditatives Bibellesen“ ist kein postmoderner Zugang, sondern hat seine Wurzeln bereits im Judentum. In Psalm 1 heißt es: „Wohl dem, der (…) über Gottes Weisung murmelt Tag und Nacht.“ Martin Luther übersetzte mit „über Gottes Gesetz nachsinnen“, aber das entspricht nicht dem ursprünglichen Wortsinn und auch nicht der damaligen Praxis.

Denn das hebräische Wort mein ein Wiederkäuen wie bei Kühen, und so gingen die Juden auch mit den Texten um: Sie murmelten sie halblaut vor sich hin, oftmals stundenlang. Das war sicherlich kein verstandesmäßiges Reflektieren. Aber etwas anderes geschah: Die Texte fielen ins Herz. Das, was Bedeutung hatte, zeigte sich. Das, was Bedeutung hatte, blieb hängen. Und genau darauf baut „Lectio Divina“ auf.

Im Mittelalter wurde „Lectio Divina“ von dem Mönch Guigo (12. Jhdt.) dann erstmals in vier konkrete Stufen zusammengefasst. Diese müssen nicht schematisch nacheinander ablaufen, sondern gehen ineinander über. Sie können in der Gruppe sowie allein praktiziert werden und lassen sich in etwa so zusammenfassen:

1) Lectio – laut lesen

Sich einen eher kurzen Bibelabschnitt vornehmen, ihn sich selbst laut und langsam vorlesen.

2) Meditatio als Ruminatio – „wiederkäuen“ und betrachten

Entweder einen Vers nach dem anderen mehrmals laut lesen, mit viel Stillezeit zum inneren Bewegen dazwischen. Oder den ganzen Text immer wieder laut lesen bis zu den Worten und Satzteilen, an denen ich innerlich hängen bleibe.

3) Oratio – Gebet

Zwischendurch ins Gebet gehen; Welche Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Bilder, Verknüpfungen tauchen in mir auf? Was trifft mich persönlich? Was ich erlebe, teile ich mit Gott und gehe damit ins Gespräch.

4) Contemplatio – Schau

Irgendwann lasse ich die Worte und Gedanken verstummen. Und ruhe einfach in der Gegenwart Gottes. Manchmal erlebe ich dabei Gottes Gegenwart intensiv als Geschenk. Manchmal passiert gar nicht viel oder ich bleibe sogar in meinem „Alltagsbewusstsein“ hängen. Alles ist ok, ich versuche, sämtliche Erwartungen loszulassen und anzunehmen, was ist.

Der Mönch Guigo dazu:
„Die Lesung führt die Speise in gewisser Weise zum Mund, die Meditation zerkleinert und zerkaut sie, das Gebet schmeckt sie, und die Kontemplation ist der Genuss selbst, der beglückt und belebt.“

Ich selbst nehme für die „Lectio Divina“ am liebsten Jesusworte aus dem Johannesevangelium. Probier es aus und berichte gerne von deinen Erfahrungen damit.

Bild: Pexels from Pixabay

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