Der „goldene Schatten“: die Entdeckung meiner Großartigkeit

Bei der Schattenarbeit kann man den Eindruck gewinnen, es gehe vor allem darum, Negatives in uns ans Licht zu holen. Dabei wird leicht übersehen, dass wir alle auch einen „lichten“ Schatten haben, den sogenannten „goldenen Schatten“. Er beinhaltet Eigenschaften und Charakterzüge, die wir an anderen Menschen sehen und lieben, aber bei uns selbst noch nicht entdeckt haben – oder uns noch nicht trauen, diese Aspekte zu leben.

Wir bewundern, was wir selbst noch nicht leben

Debbie Ford schreibt: „Es ist unser Licht und nicht unsere Dunkelheit, vor dem wir am meisten Angst haben.“ Noch krasser formuliert es Marianne Williamson: „Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir nicht genügen. Unsere tiefste Angst ist, dass wir grenzenlos Macht haben.“ Klingt verrückt? Ist es auch. Und trotzdem Realität. So viele wunderbare Menschen laufen herum, die ihre besonderen Eigenschaften und Talente noch nicht in Besitz genommen haben, sondern ihr Licht unter den Scheffel stellen. Wir bewundern an anderen am meisten das, was wir uns selbst noch nicht gestatten zu leben. Was wir noch nicht entfaltet haben, weil wir zum Beispiel fest davon überzeugt sind, so nicht zu sein (oder sein zu dürfen).
Dieser „goldene“ Schatten ist in christlich geprägten Menschen vielleicht sogar besonders ausgeprägt, weil sie oftmals verinnerlicht haben, „demütig“ zu sein und sich bloß nicht aufzuplustern.

Was den positiven mit dem negativen Schatten verbindet ist ANGST: Sie hindert uns daran, unsere verdeckten Züge anzunehmen – in diesem Fall die Angst vor unserer eigenen Großartigkeit. Es ist die Angst, sich über andere zu erheben. Die Angst, besser zu sein und dadurch ausgestoßen zu werden. Die Angst, dass andere sich schlecht fühlen könnten neben einem selbst.

Sich durch die liebenden Augen eines anderen erkennen

Im wunderschönen biblischen Liebeslied „Das Hohelied Salomos“ kommt eine junge Frau zu Wort, die durch Aussagen ihrer Freundinnen Bodyshaming erfährt, da ihre Haut durch die viele Arbeit im Weinberg dunkler geworden ist. Doch weil ihr Geliebter in ihr die wunderschöne Frau erkennt, kann sie auch selbst ihre eigene Schönheit erkennen und selbstbewusst darüber sprechen: „Ich bin braun, aber gar lieblich, ihr Töchter Jerusalems“ (Hoheslied 1,5). Indem der junge Mann ihre Schönheit sieht und benennt, findet sie ihre eigene Schönheit.

Jesu Jünger bewundern Jesus für das, was er an Wundern zu tun vermag. Jesus selbst stößt sie darauf, dass die göttliche Macht und Kraft nicht auf ihn beschränkt ist: „Wer an mich glaubt, wird genau solche Taten vollbringen, wie ich sie vollbringe. Ja, er wird sogar noch größere Taten vollbringen, als ich sie vollbracht habe.“ (Joh.14,12) Auch heute noch entdecken Menschen in der engen Bindung an Jesus ihren „positiven Schatten“, und finden so Aspekte wie Großzügigkeit, Vergebungsbereitschaft und echte Liebe in sich, weil sie sich ganz mit ihm identifizieren und ihn „anziehen wie ein Kleid“ (Galater 3,27).

Wen bewundere ich und wofür?

Wer sich mit Schattenarbeit weiterentwickeln möchte, sollte sich nicht nur mit dem beschäftigen, was ihn bei anderen negativ „antriggert“ (siehe hier). Nicht nur negative Trigger sagen etwas über uns auch, sondern auch die positiven. Wir könnten jemanden nicht für seine Anmut (Liebenswürdigkeit, Mut, Ausdauer…) bewundern oder beneiden, wenn davon nicht auch etwas in uns selbst wäre, das (noch) zur Entfaltung kommen will.
Um dem auf die Spur zu kommen, gilt es:

  • Eine Liste mit den Personen machen, die ich am meisten bewundere – sowohl aus dem direkten Umfeld, als auch Prominente. Diese Liste wird immerzu erweitert, wenn uns im Alltag auffällt, dass wir gerade jemanden bewundern oder beneiden
  • Aufschreiben: Welche Eigenschaften sind es genau, die ich bewundere?
  • Hineinfühlen: Wie ist meine persönliche Haltung zu diesen Eigenschaften? Woher kommt die Ansicht, dass ich sie nicht in mir trage? Wie klingt es, wenn ich mir sage: „Ich bin xy?“
  • Vornehmen: Ich mache mir diese Eigenschaft wieder zu eigen; den Heiligen Geist um Hilfe bitten in dem Sinn, dass er meine bisherige, mich klein machende innere Haltung korrigiert; Immer öfter so leben, als wäre ich schon erfolgreich, schlau, sexy, etc. (was ich ja tatsächlich auch bin)

Image by No-longer-here from Pixabay

3 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Frank Puckelwald
    16. Oktober 2020 15:36

    Mir fällt grad ein Lied aus „uralten Zeiten“ ein, das durchaus mit dem Thema zu tun haben kann,- dort heißt es:
    „Im Anschauen Deines Bildes, da werden wir verwandelt in Dein Bild….“
    In diesem Vers drückt sich die Erfahrung aus, dass mich prägt, was ich anschaue.
    Was mich ärgert, macht mich ärgerlich,- was mich freut, macht mich freundlich. Wenn ich Christus anschaue, ist das eine Weise, Christus in mir Raum zu geben, mich von ihm prägen zu lassen – wenn ich in ihm Gottes Ebenbild sehe, wird es mich an meine Gottesebenbildlichkeit erinnern, bzw wird diese immer mehr freisetzen.

    Antworten
    • Wie selten wird diese psychologische Tatsache erkannt, dass die Eigenschaften, die man betrachtet, in das eigene Denken einsickern und diese Tendenzen verstärken! Und müsste das Gedenken der eigenen Sündhaftigkeit dem nicht weit untergeordnet sein?

      Antworten
    • Yvonne Ortmann
      21. Oktober 2020 9:36

      Das hast du ganz wunderbar ausgedrückt, Frank. Über diesen Ansatz habe ich auch Zugang zur orthodoxen Ikonografie bekommen.

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