Texte

Spätherbst

Die Natur stirbt voller Würde und Anmut.
Kurz vor dem Tod zeigen die Blätter ihr schönstes Gesicht.
Nie waren sie prächtiger als in diesem Moment.
Goldfarben, ganz ohne Protz.

Aber ich sehe auch das andere Sterben:
Abgeknickte und abgerissene Zweige,
an denen abgestorbene Blätter schwarz wie Kohlestücke baumeln.
Keine Würde, keine Anmut;
schön nur für den, der Schönheit sehen will.
Von jetzt auf gleich vom Lebenssaft abgeschnitten,
für das Gold des Alters blieb keine Zeit.

Welches Sterben fühle ich in mir?
Das goldene Sterben, das mir sagt, dass im nächsten Jahr etwas in neuer Gestalt wieder zum Leben erwacht?
Das schwarze Sterben, das mich plötzlich überfällt und mich beraubt, nackt und bloß zurücklässt?
Ich kenne beides.
Und in beidem muss ich loslassen.
Mich hingeben, warten und erleben, dass kein Ende wirklich ein Ende ist.


Bei mir

Endlich
wieder bei mir
mit jedem Atemzug
ein bisschen mehr
drei Stunden Zeit
drei Stunden lang
nur rauschenden Zweigen
und vorüberziehenden Wolken gefolgt
mehr nicht.
Kein Gedanke
keine Meditation
kein Gebet
konnte mich an diesen Ort bringen.
Neue Kraft
durch Stillstand
unnütz und verschwendet
und genau darin
voller Kraft.
Die Haut kribbelt wieder
der Atem fließt
das Herz schlägt in ruhigem Rhythmus
endlich.


Was ist Sünde?

Sünde verhindert. Sünde verfinstert. Sünde verkrampft.
Sünde schneidet ab. Uns selbst. Vom Leben und echter Verbundenheit.
Von einem Leben in Fülle, echter Freude und unserem innersten Kern, der Liebe ist.

Sünde verschlammt. Sünde verwirrt. Sünde bestraft.
Kanäle, durch die Gottes Liebesstrom zu uns fließt: verstopft.
Antennen, dazu gedacht, Gottes Frequenz zu empfangen und weiterzugeben: nicht auf Empfang.
Wir selbst, zu Freude und Fülle bestimmt, gefangen in den Konsequenzen unseres Tuns.
Kein Gott, der bestraft, und doch sind wir bestraft.

Sünde wird geboren aus Furcht.
Furcht vor Gott. Furcht vor Menschen. Furcht vor mir selbst. Furcht vor dem Leben.
Furcht vor Scheitern. Verurteilung. Verachtung. Ausgrenzung. Strafe. Nicht Recht zu haben.
Und immer wieder: Furcht vor Gott.
Furcht gebiert Sünde.

Nicht die Sünde ist uns angeboren, aber die Furcht.
Die Furcht unserer Vorfahren. Die Furcht unserer Eltern.
Die Furcht unserer Gesellschaft. Die Furcht unserer Zeit. Die Furcht der ganzen Welt.
Wir leben in ihr. Atmen in ihr. Wir können ihr nicht entfliehen.
Und so gebiert sie all das, was wir tun und doch im Innersten nicht wollen.
Das Gegenteil von Liebe ist Furcht. Das Gegenteil von Lieben ist Fürchten.
Die Früchte der Liebe sind Frieden und Freude. Die Frucht der Furcht ist: Sünde.

Jesus wusste, wie wir Menschen angesprochen werden müssen, damit die Sünde entmachtet wird:
„Fürchtet euch nicht.“ Und mehr noch: „Friede mit euch.“

Und 1. Johannes 4,18: „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus. Denn die Furcht rechnet mit Strafe; wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.“


Ein Jahr älter

Rumbaumeln.
Irgendwo zwischen Himmel und Erde.
Mit dem Wunsch, noch höher, noch freier zu fliegen.
Da sind noch Fäden, die halten.
Manchmal so dünn und fast durchsichtig, dass ich sie kaum zu fassen kriege.
Andere Fäden sind gelöst und hängen nur noch als Reste irgendwo, wie zur Erinnerung.
Ganz frei fühlt es sich noch nicht an.
Aber auch nicht mehr ganz gebunden.
Eben irgendwo zwischen Himmel und Erde.
Und mir dämmert, dass Himmel und Erde
vielleicht gar nicht so unterschiedliche Orte sind.
Mit jedem Faden, der sich löst, wird es etwas freier.
Und ob es gerade mehr Richtung Himmel oder Erde geht,
entscheide ich dann selbst.
Mehr Kindsein kommt wieder ins Leben.
Die Erinnerung, wie schön das Fliegen ist.
Und die Ahnung, dass ich es immer noch kann.

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